Die Zukunft der Schauspielregie

Annina Hasler

Sie steht für ein neues Zeitalter im Schauspiel Bern. Die junge Kölnerin Ruth Mensah arbeitet seit dieser Spielzeit bei den Bühnen Bern als Regieassistentin und wird mit dem Stück Gigiwonder auch erstmals in Bern inszenieren. Sie hat uns an ihrem Arbeitstag teilhaben lassen und uns erzählt, warum sie mit ihrer Rolle als Regisseurin achtsam umgehen will.

Als wir Ruth Mensah treffen, steckt sie gerade in den Endproben für die Uraufführung des bitterbösen, feministischen Stücks Tuntschi. Eine Häutung. Es sind lange Tage für die junge Regieassistentin, die für die kommenden zwei Jahre beim Schauspiel Bern engagiert ist. Chefdramaturgin Felicitas Zürcher holte Ruth direkt von der Folkwang Uni in Essen weg, wo diese einen der begehrten Plätze im Regiefach ergattert hatte. Nun, mitten im Theateralltag, startet Ruths Tag meist lange vor den ersten Proben. Als Regieassistentin ist sie ein Bindeglied zwischen der Regisseurin – im Fall von Tuntschi ist das die Österreicherin Sara Ostertag – und dem Haus, also den Künstler*innen und Techniker*innen. Bevor sie zu den Bühnenproben aufbricht, verschickt sie Dienstpläne, nimmt an Sitzungen teil oder trifft letzte Vorbereitungen für die Proben.

«Mir ist es als Regieassistentin wie auch als Regisseurin sehr wichtig, dass die Proben möglichst stressfrei ablaufen. Ich will eine angenehme und anregende Arbeitsatmosphäre schaffen, so oft es geht. Das klingt vielleicht idealistisch, aber es ist mir wichtig. Deshalb ist für mich die Kommunikation absolut zentral bei meiner Arbeit.»

Gespräche nehmen einen grossen Teil ihrer Zeit ein: mit der Regisseurin, den Techniker*innen und natürlich den Schauspieler*innen. Ruth versucht, den Überblick zu behalten, wenn alle ihn verlieren, und vermittelt, wenn nötig. Zum Theater gestossen ist sie eher zufällig: Nach einem Germanistikstudium schrieb sie eigene Texte und stand selber als Performerin auf der Bühne. Irgendwann merkte sie, dass sich ihre Texte immer mehr wie Regieanweisungen lasen und sie ihren Platz eher hinter der Bühne sah. Zahlreiche Frauen, darunter Felicitas Zürcher, Lisa Nielebock und Nadia Kevan, bestärkten Ruth, diesen Weg zu gehen.

«‹With great power comes great responsibility›, sagte Spiderman-Vater Stan Lee. Vor der Rolle der Regisseurin hatte ich lange Respekt. Die Verantwortung ist gross, die Gefahr von Machtmissbrauch ebenso. Wenn ich als Regisseurin entscheide, eine Probe um eine Stunde zu verlängern, dann ist davon nicht nur das ganze Team betroffen, sondern auch deren Familien. Heute muss es möglich sein, Theaterschaffen und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Dazu will ich als Regieassistentin und Regisseurin beitragen.»

In den Endprobentagen schiebt sie eine Pause ein, wenn sie mal ein paar Minuten entbehren kann, ihre Tage enden nicht selten um 22 Uhr. Nach den Abendproben finden nochmals Besprechungen statt, in denen kurzfristige Änderungen diskutiert werden und die Schauspieler*innen eine Kritik erhalten. In diesen Endprobentagen lebt Ruth nahezu im Theater, für Freunde, die beruflich nichts am Hut haben mit dem Bühnenleben, ist das vielleicht manchmal schwer verständlich. Wenn diese Freunde dann ihretwegen erstmals eine Theatervorstellung besuchen, tun sich neue Welten auf.

«Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Theater und Kunst im Allgemeinen keine grosse Rolle spielte. Ich denke deshalb über Formate nach, mit denen wir das Theater zu Menschen bringen können, die zwar interessiert sind, die aber eine grosse Hemmschwelle überwinden müssen. Das hat nicht zuletzt auch mit teuren Ticketpreisen zu tun. Weil letztlich erzählen wir im Theater ja Geschichten. Und Geschichten interessieren Menschen nun mal, wenn sie gut erzählt sind. Das gehört zum Menschsein.»

Im Januar inszeniert Ruth mit Gigiwonder. Die Geschichte eines Beins erstmals eine Auftragsarbeit an einem Theater. Die Erfahrungen als Regieassistentin werden ihr den Wechsel ans Regiepult vereinfachen, glaubt sie. Sie kennt die Menschen, mit denen sie arbeitet, kennt die Abläufe. Gigiwonder ist die Geschichte eines Beines, die den Wert eines Körperteils im globalen Kontext untersucht, eine Satire über den westlichen Kunstbetrieb. Ruth will ihre Inszenierung zu einem Erlebnis der gemeinsamen, humoristischen Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema machen.

«Gigiwonder behandelt globale Themen, die uns alle betreffen. Ich will weder den Moralapostel geben noch eine Lösung anbieten. Denn meine Inszenierung ist einzig meine persönliche Interpretation, keine Wahrheit. Ich will lediglich einen Rahmen schaffen und Anregungen geben, damit die Menschen darüber nachdenken.»

Mehr Informationen zum Stück finden Sie hier.

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