Erlebnisbericht von Hansjürg Sieber

Hansjürg Sieber

Hansjürg Sieber ist ein passionierter Tanzliebhaber und auch dem Bern Ballett eng verbunden. Für uns hat er einen persönlichen Premierenbericht zu der Ballettproduktion La Divina Comedia geschrieben.

Hansjürg Sieber als einen regelmässigen Theaterbesucher zu beschreiben wäre eine glatte Untertreibung. Seit vielen Jahren ist er ein passionierter Tanzliebhaber und auch dem Bern Ballett eng verbunden.

Als ehemaliger Lehrer hat er viele Tanzprojekte in der Schule betreut und ab den 1980er Jahren rund zwanzig Jahre lang die Berner Tanztage mitorganisiert.

Dabei hat der Tanz in seiner Kindheit und Jugend noch gar keine Rolle gespielt, im Gegenteil: undenkbar war das damals für ihn gewesen. Eigentlich hat er seine Tanzleidenschaft seiner Frau zu verdanken, denn sie hat ihn einst auf einer Parisreise richtiggehend mitgeschleppt in eine Inszenierung von Maurice Béjart. Am Ende sass er da und war von dieser Aufführung so berührt, dass ihn der Tanz niemals wieder losgelassen hat. «Der Tanz ist mir plötzlich vor die Füsse gefallen - und ein Leben ohne Tanz konnte ich mir seitdem nicht mehr vorstellen.» Und so hat er sich passiv seiner Leidenschaft verschrieben - nicht zuletzt als Vorstandsmitglied des Berner Theatervereins.

Wir haben Hansjürg Sieber anlässlich der Ballettpremiere von La Divina Comedia gebeten, seine Impressionen von der Aufführung für uns aufzuschreiben:

«Was für ein Wagnis, ein solch gewaltiges Werk zum Gegenstand eines Tanzabends zu machen: Ein fast unlesbares, siebenhundertjähriges Werk – ich bin in jungen Jahren daran gescheitert – in Tanzbewegungen umzusetzen. Das braucht Mut und einen unerschütterlichen Glauben ans Gelingen. Schon der erste Teil, die Todsünden in der Hölle, lassen einen die Wucht dieses Werkes erahnen. Dadurch, dass wir Zuschauerinnen und Zuschauer das Ganze nicht aus dem bequemen Sessel des Theaters an uns vorbeiziehen lassen können, sondern in einem Parcours durchs ganze Haus hautnah an den Figuren vorbeigehen müssen, werden wir auf eine unbequeme und direkte Art mit den Höllenqualen konfrontiert und können uns dieser Beklemmung nicht entziehen.

La Divina Comedia © Gregory Batardon
La Divina Comedia © Gregory Batardon
La Divina Comedia © Gregory Batardon
La Divina Comedia © Gregory Batardon

Der zweite und dritte Teil im Theatersaal (Fegefeuer und Paradies) beeindruckte durch ein äusserst schlichtes Bühnenbild mit einem diskreten, aber effektvollen Lichtspiel. Zusammen mit der Musik und den Kostümen, die aussergewöhnlich aber dennoch dezent und unaufgesetzt wirkten, konnte man sich diesem unbequemen und qualvollen Gang durchs Fegefeuer nicht entziehen; man fühlte sich selbst als Wandler durch diese schreckliche Höllenwelt. Subtil dann der Schluss, wo sich im Paradies zwei Tanzende für einen Moment in inniger Zweisamkeit finden, der Hauptprotagonist aber schlussendlich doch alleine weitergeht: Der Mensch muss seine Reise bis ans Ende alleine durchmachen. Von letzterem – dem Gang ins Paradies – hätte ich mir noch mehr gewünscht. Alles in allem hat sich das Wagnis, das Estefania Miranda mit dieser Choreografie eingegangen ist, sehr gelohnt und hat auf mich einen berührenden und unvergesslichen Eindruck hinterlassen.«

 

Vielen Dank, Hansjürg Sieber, für diesen persönlichen Premierenbericht.

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