Studierende des Bachelor-Seminars TANZKRITIK schreiben über Produktionen von Bern Ballett

LE TROISIÈME SEXE

Gender - unter dem Baum der Erkenntnis und auf einer öffentlichen Toilette

Von Julia Wechsler

Die Company von Bern Ballett tanzt das dritte Geschlecht aus zwei unterschiedlichen Perspektiven.

In Anlehnung an den Aufsatz «Le Deuxième Sexe» der französischen Philosophin Simone de Beauvoir präsentiert Bern Ballett den zweiteiligen Tanzabend «Le Troisième Sexe». In zwei Auftragschoreografien tanzen Männer und Frauen getrennt zur Thematik Gender, gesellschaftliche Vielfalt und Identität.

Das erste Stück «Upside Down» des Choreografen Etienne Béchard wird von sechs Männern getanzt. Der französische Choreograf erzählt den biblischen Schöpfungsmythos neu, denn es entsteht nicht eine binäre Menschheit, sondern eine geschlechtlose Puppe, die Ursprung für weiteres Leben ist.

Zu Beginn liegen die Tänzer auf einem Haufen unter dem Baum der Erkenntnis (Bühne: Till Kuhnert). Die Tänzer schweben mit akrobatischem Floorwork über den mit Nebel bedeckten Boden und erheben sich in archaisch, energievollen Gruppenbewegungen. Die gepflückten Äpfel balancierend, drehen sie sich und runde Bewegungen fliessen durch ihre Körper. Mit dem Biss in den Apfel durchlaufen ihre Körper eine Veränderung, und es fallen Kleiderbündel auf die Bühne, auf welche sich die Männer stürzen (Kostüme: Catherine Voeffray). Sie stöckeln dann in schicker Frauenkleidung und hohen Absatzschuhen über die Bühne, schwingen ihre Hüften, schütteln ihre Oberkörper und drehen sich, während sie nach ihrem Absatz am Schuh greifen. Humorvoll präsentieren die Tänzer leicht sexualisierte Bewegungen, flirten dabei mit dem Publikum und stellen so Transgender-Stereotype dar. Der Tanz auf Highheels ist definitiv ein Highlight.

Für das Stück «Double You See» hat die britische Choreografin Caroline Finn eine öffentliche Toilette als Setting gewählt. Ein Raum, der nach wie vor geschlechterspezifisch zweigeteilt ist und wo das Private auf Öffentlichkeit trifft. Die Toilettenkabinen, die Pissoirs und die Waschbecken mit Spiegel sind mobile Elemente, die immer wieder im Raum gedreht werden und nicht in einer Binarität erstarren. Acht assimilierte Personen in blauer, uniformer Kleidung und Perücken durchlaufen eine Entwicklung zu Individuen. Eine Tänzerin schleicht den Toilettenkabinen entlang, fällt in den Spagat und späht unter der Kabinenwand durch. Andere sitzen in Gedanken versunken auf den Toiletten oder tanzen in der Kabine. Sie mustern sich im Spiegel, ziehen Fratzen und spucken ihrem Spiegelbild ins Gesicht.

Die Türe einer Kabine geht auf und eine Diva in violettem Tüll Kleid erscheint. Sie wirbelt umher, schmeisst sich auf den Boden und feiert sich selbst. Nach und nach verwandeln sich die Tänzerinnen in Individuen, die nebeneinander Raum finden auf der Bühne: eine Sängerin mit Federboa und Mikrofonständer schreitet aus einer Kabine, eine Frau in blumig gemustertem Kleid und mit Blumengesteck auf dem Kopf amüsiert sich und eine schlicht gekleidete Frau mit einem Spielzeugbagger hüpft in einem Kreis über die Bühne. Am Ende bleibt ein Äffchen, das bald die Gesichtsmaske abnimmt und seine wahre Identität zeigt, allein auf der Bühne. Die Frau tanzt ein verspieltes und hinreissendes Solo und wirkt dabei sehr verletzlich. Als sie schliesslich fortgetragen wird, bleibt das Publikum berührt und nachdenklich zurück.

Die geschlechtergetrennten Choreografien beleuchten das Thema Gender aus zwei verschiedenen Perspektiven. Béchard und Finn gehen aus ihrer männlichen beziehungsweise weiblichen Perspektive sehr unterschiedlich an die Thematik des dritten Geschlechts heran und beide stellen choreografisch Verwandlungsprozesse und die Suche nach der eigenen Identität dar. Gleichzeitig ruft der geschlechtergetrennte Tanzabend auch die konservative, binäre Geschlechterordnung in Erinnerung.

 

Was haben ein Apfelbaum und eine öffentliche Toilette gemeinsam?

Berner Ballett denkt über biologische und soziale Geschlechter nach

Von Helen Habel

Können im Tanz Körper gezeigt werden, ohne dass wir ihnen direkt ein Geschlecht zuschreiben? Mit dem Ballettabend „Le Troisième Sexe“ stellen sich die Choreografierenden die Aufgabe der Auseinandersetzung mit sexuellen und gesellschaftlichen Identitäten. Als Grundlage dient Simone de Beauvoirs „Le Deuxième Sexe“. Das Stück begeistert mit eindrucksvollen Bühnenbildern und zwei vollkommen unterschiedlichen Ansätzen. Gerade diese Dualität verwandelt den Abend zu einem spannenden Erlebnis.

Die Schöpfungsgeschichte in neu

„Upside Down“ wird nur von den männlichen Tanzenden des Ensembles vertanzt. Etienne Béchard erzählt mit seiner Choreografie eine neue Version der Schöpfungsgeschichte, eine Evolution von kriechenden zu tanzenden Menschen, Äpfeln, Heels und einzelnen Gliedmaßen, die eins werden. Mal ist der Tanz fröhlich, aufmunternd. Dann fällt er wieder ins Gegenteil zurück. Die Tanzenden wirken zwischenzeitlich wie besessen und von einer übergreifenden Macht eingenommen. Ausgangspunkt der Geschichte ist der große Apfelbaum, der in der Mitte der Bühne kopfüber von der Decke hängt. Dabei werden gekonnt Kostümwechsel auf der Bühne integriert. Das Wechseln zwischen weißer und schwarzer Kleidung, die teilweise auch eher weiblich konnotiert ist, fügt sich wie von selbst in die Geschichte ein. So wird mit noch vorhandenen Stereotypen gespielt und es entstehen ständig neue Formationen und Eindrücke. Und obwohl einige Ansätze in Bezug auf fluide Identitäten vorhanden sind, so ist doch das Spiel mit den Konzepten Mann und Frau präsent und dominant.

Selbstverwirklichung auf einer öffentlichen Toilette

Auch im zweiten Stück, „Double You See“ von Caroline Finn, wird dies deutlich. Diese Choreografie wird in Kontrast zum ersten Teil des Abends nur von weiblichen Tanzenden gezeigt und spielt auf einer öffentlichen Toilette. Es wird keine klare Geschichte erzählt, sondern eher die Einzelschicksale und Gefühlswelten verschiedener Personen aufgezeigt. Anfangs sehen noch alle Tanzenden gleich aus, doch im Laufe des Stücks wird immer deutlicher, wie groß doch die Unterschiede zwischen ihnen sind. Dies gipfelt in einem vollen Ausdruck jeder einzelnen Persönlichkeit. Zwischendurch erinnert das scheinbar haltlose Zucken der Tanzenden an ein Irrenhaus, in dem alle in ihrem eigenen Film gefangen sind. Und gerade diese Form des Ausdrucks scheint, so verwirrend sie auch gelegentlich ist, so passend und gleichzeitig genial. Denn dadurch wird der innere Kampf, der von jeder einzelnen Person auf der Bühne individuell geführt wird, nur umso deutlicher. Auch gibt es einige Anzeichen auf eine Unsicherheit gegenüber der eigenen Geschlechtsidentität, die in großen Gesten wie der Anziehung zu einem Pissoir stattfindet. Aber auch kleine, undeutlichere Zeichen zeigen sich, wie das ungläubige Anstarren des eignen Spiegelbildes oder das Spielen mit einem Spielzeugauto. Diese deuten allerdings nur subtil auf einen inneren Konflikt hin. Fraglich bleibt, ob diese Zeichen allgemeingültig lesbar oder nur von Personen mit eigener Erfahrung oder Hintergrundwissen sichtbar sind.

In beiden Stücken wird also versucht, eine Art drittes Geschlecht zu verkörpern. Dies ist in einigen Punkten gelungen, aber dennoch erscheinen beide Stücke noch abhängig von einer binären Auffassung von Geschlechtern. Das Verwischen der Grenzen zwischen diesen und das Etablieren von etwas Neuem, Drittem, geht dabei eher schleichend voran.

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