Welcome back: Das Bern Ballett

Annina Hasler

Unsere Ballettsparte ist auf die neue Spielzeit hin zu ihrem alten Namen zurückgekehrt: Bern Ballett. Warum das nicht bedeutet, dass unser Publikum nun Ballerinen in Tutu zu sehen bekommt, und warum in Bern keine Bewegung um der Bewegung willen getanzt wird, erklärt uns Company-Manager und Dramaturg Dirk Elwert*.

Die gute Nachricht soll hier gleich zu Beginn verkündet werden: An der überaus erfolgreichen Ausrichtung unserer Ballettsparte ändert sich trotz des neuen Namens nichts. Und wirklich neu ist «Bern Ballett» eben nicht, denn schon vor dem Zusammenschluss von Stadttheater und Berner Symphonieorchester hiess die Tanzsparte so. Als die beiden Institutionen vor zehn Jahren unter dem Dach «Konzert Theater Bern» fusionierten, erhielt das Bern Ballett den Namen Tanzcompagnie Konzert Theater Bern – ein Name, so sperrig wie manche Bewegungen. Im Zuge der jetzigen Neuausrichtung von Bühnen Bern, kehrt nun das Bern Ballett zu seinem prägnanten, organischen und international verständlichen Namen zurück.

«Tanz ist die Muttersprache der Menschen»

Dirk Elwert

Wir nutzen die Aufbruchsstimmung und lassen uns von Dirk Elwert, der die letzten beiden Jahre unter Ballettchefin Estefania Miranda als Company-Manager wirkte, erklären, wo sich das Bern Ballett stilistisch verortet. «Tanz ist die Muttersprache der Menschen», zitiert er die deutsche Tanzwissenschaftlerin Dorion Weickmann und lädt uns zu einem kleinen Exkurs in die Tanzgeschichte. Schon immer sei Tanz ein verbindendes Ausdrucksmittel gewesen, unabhängig von Völkern, Ländern und Grenzen. Erst Louis XIV, der französische «Sonnenkönig», institutionalisierte klassisches Ballett im 17. Jahrhundert als Kunstform. Eine, die starren Regeln und militärischem Drill folgte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich das klassische Ballett – nachdem es viele Reformen und Entwicklungen im 18. Jahrhundert durchlebt hatte – im strengen und leeren Formalismus erstarrt, erzählt Dirk Elwert. Schliesslich formierte sich eine Gruppe von Tanzschaffenden, die sich von einer Kunstform abwendete, die nur nach Perfektion und Form strebte: «Sie verstanden Tanz als körperliche Reflexion.» Es waren notabene vorwiegend Frauen, die dem modernen Tanz den Weg bereiteten, während die Geschichte des klassischen Balletts von Männern geprägt war. Im Gegensatz zum Ballett, bei dem alle Bewegung kunstvoll und bewusst künstlich waren, nahmen Modern-Dance-Ikonen wie Martha Graham oder Isadora Duncan die Kraft der Erde als Ausgangspunkt ihres natürlichen Bewegungsmaterials.

«Es gibt keine ideologische Trennung mehr zwischen klassischem Ballett und modernem Tanz»

Heute seien die Grenzen zwischen Ballett und Tanz nicht mehr derart starr, sagt Dirk Elwert: «Es steht nicht mehr Ballett (Form) gegen Modernen Tanz (Ausdruck) und damit gibt es auch keine ideologische Trennung mehr zwischen Ballett und Modernem Tanz.» Tendenziell werde der Begriff Ballett einer Institution wie den Bühnen Bern zugeordnet, der zeitgenössische Tanz eher der freien Szene.

«Was wollen wir erzählen?»

Die Stilrichtung von Bern Ballett knapp zu umschreiben, fällt Dirk Elwert nicht leicht. Die Tanztruppe unter Estefania Miranda sei «eine zeitgenössische moderne Company, die sehr energiegeladen ist und stilistische Vielfalt lebt». Eine Company also, die kein Handlungsballett bietet, aber dennoch Geschichten erzählt. Im Zentrum stehe immer die Frage: «Was wollen wir erzählen? Es geschieht keine Bewegung um der Bewegung willen.»

Als Beispiel sei etwa La Divina Comedia genannt. Die Ballettchefin lädt in ihrer eigenen Produktion das Publikum ein, mitzudenken und nachzuempfinden. Das sei mitunter das Erfolgsgeheimnis, meint Dirk Elwert. Denn seit Jahren erfreut sich die Ballettsparte in Bern ausverkaufter Vorstellungen, die Tickets gehen jeweils weg wie «wame Weggli». Estefania Miranda gebe ihrer Sparte mit den eigenen bildgewaltigen und ästhetischen Arbeiten einen künstlerischen Rahmen und sei gleichzeitig eine umsichtige Kuratorin, was die Gastchoreograf*innen betreffe. «Was entsteht, ist überaus vielseitig, ohne beliebig zu werden.»

Und nicht zuletzt sind die Tänzer*innen aus aller Welt massgebend. Ihnen allen ist eine akademische Ausbildung an staatlichen Schulen gemein – nicht wenige der weiblichen Tänzerinnen sind auch in Spitzentanz ausgebildet – aber auch Ausdruckstärke und Offenheit verschiedenen Stilrichtungen gegenüber, erklärt Dirk Elwert. Ab dem 30. Oktober stehen sie in dieser neuen Saison erstmals auf der Bühne: bei der Premiere von La Divina Comedia.

*Dirk Elwert studierte Theaterwissenschaft an der Universität in Köln und Schauspiel in Zürich und München. Es folgten Engagements in Hannover und Heilbronn. Ab 1992 wirkte er in verschiedenen Funktionen an Tanzhäusern und Tanzfestivals in Nürnberg, Basel, Oldenburg, Berlin, Leipzig, Würzburg und Heidelberg. 2019 wurde er Manager der Tanzcompagnie Konzert Theater Bern. Seit  August 2021 ist er stellvertretender Ballettdirektor am Theater Chemnitz und arbeitet für das Bern Ballett weiter auf Mandatsbasis.

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