Wie ist es, eine Diva zu spielen?

Marina Bolzli

Musicalstar Annemieke van Dam spielt die Titelrolle in Evita. Es ist ihr erstes grosses Engagement seit Corona – und seit der Geburt ihres zweiten Kindes. Im Interview spricht sie über ihre Rolle, ihre Gemeinsamkeiten mit Evita und warum sie es total geniesst, ohne ihre Familie in Bern zu sein.

Annemieke van Dam, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Evita?
Ich kann gut verstehen, dass man als engagierte Person vergessen kann, dass man noch auf andere schauen sollte. Das ging mir zum Beispiel während der Zeit so, als ich sieben Tage die Woche spielte. Da merkte ich erst im Nachhinein, dass das für mein Umfeld nicht schön war.

Und Evita?
Die war schon seit ihrer Jugend so, wie ein Strassenhund, der überleben musste. Und als sie dann die Wurst gerochen hat, machte sie alles, um dahin zu kommen. Die Machtgier hat den Idealismus verdrängt. Wir inszenieren das so, dass man immer hin- und herschwankt: Mal versteht man die Frau, mal ist sie einfach die unsympathische Diva. Erst als sie merkt, dass sie sterben wird, wird sie sanfter und zerbrechlicher.

Was ist das Schwierige an der Rolle?
Evita ist schon relativ früh krank. Ich kann das aber nicht richtig zeigen, stellen Sie sich mal vor, ich würde plötzlich schlechter singen. Die Dynamik in Evitas Stimme ändert sowieso oft. Mal ist sie ganz fein, gleich danach wieder kraftvoll, dann muss ich fast schreien.

Beeinflusst es Ihre Rollen, dass Sie Mutter sind?
Ja, ich merkte es schon, als ich zum ersten Mal Mutter wurde. Plötzlich hatte ich diese Schale um mich herum nicht mehr, ich war viel verletzlicher. Sobald ich eine schöne, traurige Melodie hörte, musste ich weinen. Zum Glück war viel Verständnis dafür da, wir machten dann jeweils Pause. Aber so hat die Rolle mehr Tiefe bekommen für mich. Ich muss nur daran denken, dass ich meine Kinder oder meinen Mann nie mehr sehen könnte, und schon bin ich in dieser Emotion. Das hilft mir zum Beispiel in der Sterbeszene. Ich denke dann ständig, das ist das letzte Mal…

Sind Sie dann nicht jedes Mal total fertig?
Ich habe in dieser Produktion gelernt, das ein bisschen zu kontrollieren. Manchmal merke ich, dass Tränen über meine Wangen rollen, aber ich trotzdem noch singen kann.

Es ist Ihr erstes grosses Engagement nach der zweiten Babypause. Was ist anders?
Ich bin erstaunt, wie erholsam es für mich ist, mal eine Pause von dieser Familienrolle zu haben. Wenn man die ganzen Zahnschmerzen hatte, die schlaflosen Nächte, das Herumtragen, dann ist es ein Fest, in Bern zu sein. Und ich geniesse es einfach nur, auf der Bühne zu stehen. Das war vor zwei Jahren in Klagenfurt anders, damals war mein Sohn bei mir und mein Mann hatte ein Engagement in Mallorca. Ich hatte zahllose schlaflose Nächte und musste am Morgen wieder auf der Matte stehen. Es ging alles gut, aber nach der Premiere war ich total erledigt und hatte Migräneanfälle. Nun weiss ich, dass mein Mann zuhause in Wien das Familienleben managt, und dadurch bin ich viel lockerer. Am Anfang war er ein bisschen überfordert. Aber jetzt findet er das ganz schön. Vorher hing Olivia ja noch an meiner Brust und jetzt ist sie voll bei Papa.

Und Sie können voll in Bern sein!
Ja, ich wohne im Breitenrain, so viele kleine Cafés und Restaurants, ich liebe es! Als wir in der Felsenau probten, konnte ich viermal am Tag eine halbe Stunde laufen, das war echt gut für meine Kondition. Ich habe noch den restlichen Schwangerschaftsspeck verloren. Wie die Menschen hier mit der Natur umgehen und wie selbstverständlich es ist, dass alle einfach in die Aare springen… Ich kann nur hoffen, dass wir Evita weiterspielen oder es nochmals ein Musical gibt.

Zur Person: Annemieke van Dam wurde 1982 in den Niederlanden geboren. Bekannt wurde sie mit der Rolle als Elisabeth, mit der sie zwei Jahre durch Europa tourte. Sie spielte bereits bei der Aufführung von Evita vor zwei Jahren in Klagenfurt die Titelrolle. Sie lebt mit ihrem Partner und den beiden Kindern in der Nähe von Wien.

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