Judas

Er ist aus der Hölle emporgestiegen, um seine Geschichte zu erzählen. Nicht nur, um seinen Namen reinzuwaschen, denn der steht unauslöschbar für Verrat. Ist es der Versuch eines Schuldbekenntnisses oder eher der Rechtfertigung? War er ein Werkzeug oder ein Opfer des Schicksals? Was waren die Gründe, die hinter seinem Tun standen? Was trieb ihn, Judas Iskari­oth, an? Wie wäre die Geschichte des christlichen Abendlandes weitergegangen, wenn er Jesus nicht verraten und falsches Zeugnis abgelegt hätte? Hätte es einfach ein anderer getan?

Die flämische Autorin Lot Vekemans bietet in ihrem Monolog der Ikone des Verrats ein Plenum. Fast 2000 Jahre nach seiner Tat präsentiert sich Judas in einem Theaterstück und lässt uns an seiner Geschichte teilhaben. Der Text ist Augenzeugenbericht, Verteidigungsrede, Image-­Kampagne und Eingeständnis desje­nigen, der «schwärzer wurde als schwarz», weil alle anderen die Schuld am Tode des Messias auf ihn abladen konnten: «Ich wa­sche meine Hände in Unschuld». Vekemans lässt Judas über seine Wut, seine Enttäuschung und seine Sehnsüchte reden, ohne die Verantwortung für sein Handeln zu leugnen. Aber ist Zweifel nicht ein viel produktiverer Zustand als Glaube? Schliesslich hätte es ohne ihn und seine Tat auch Kreuzigung und Auferstehung nicht gegeben. Und so ging des einen Weg gen Himmel, während der andere zur Hölle fuhr.

«Anlässlich der Schweizer Erstaufführung des 2007 geschriebenen Stückes hat sich das Team um Regisseur Markus Kubesch für das Plädoyer des Verdammten einen Spielort ausgesucht, der gleichzeitig für seinen Lebensinhalt und für die Quelle seiner Verdammnis steht: Als Spielstätte dienen zwanzig Gotteshäuser in der Stadt und im Kanton Bern. An der Premiere in der Kirche St. Josef in Köniz sind die knarrenden Bänke gut gefüllt, die beiden grossen Weihnachtsbäume vergisst der Zuschauer bereits nach wenigen Zeilen des gut einstündigen Monologs, der von Jürg Wisbach eindrücklich präsentiert wird. Er verleiht dem Text eine Ernsthaftigkeit, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommt.» Lorenz Häberli, Der Bund, 13. Januar 2015

«Sollen wir Judas glauben, dass er gar nicht eigennützig gehandelt hat? Hat er gar den anderen die Haut gerettet, war er gar derjenige, der für die anderen starb? Das Stück spielt mit neueren Erkenntnissen zur Biografie des angeblichen Verräters, die die biblischen Darstellungen infrage stellen. (…) Das Tourneestück von Konzert Theater ist gut umgesetzt und in der Kirche am richtigen Ort. So erntete Wisbach bei der Schweizer Erstaufführung viel Applaus für seine gelungene Vorstellung.» Michael Feller, Berner Zeitung, 12. Januar 2015

«Lot Vekemans Text ist vielfältig, tiefgründig, reich an Bildern und Ausdrucksnuancen. Er enthält witzige und anekdotische Glanzlichter. (…) Regisseur Markus Kubesch und sein Darsteller Jürg Wisbach, im karg historisierenden Spielset von Frank Holldack, zeigen Judas als Mensch, der reif geworden ist im Kampf mit eigener Schuld und in der Auseinandersetzung mit dem Bild, das buchstäblich alle Welt sich von ihm macht. Dass er zum Schluss in einer so lapidaren wie anrührenden Geste bei sich selber ankommt, strahlt Versöhnung und Menschlichkeit aus. Das sind unter anderem zutiefst christliche Eigenschaften. Es ist gut, diesen dramatischen Monolog in Kirchen zu spielen, katholischen wie evangelischen.» Fritz Vollenweider, seniorweb, 15. Januar 2015

«Dieser Judas ist ein getriebener Mann, und er hat etwas loszuwerden. Er weiss mit den Worten umzugehen, mit dem Publikum zu scherzen, es zu provozieren und zu trösten. „Bitte versucht nicht, etwas zu begreifen!“ Doch genau das tun wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, und das macht den grossen Reiz dieser Spielanlage aus. (…) Schauspieler Jürg Wisbach spielt diesen Judas ohne Vorbehalte, ohne Allüren, und er kommt dem Publikum sehr nahe. Man wünscht sich, seine Fragen beantworten zu können, man wünscht sich, ihn zu verstehen, ihn zu erlösen, und vielleicht auch ein wenig sich selbst.» Kaa Linder, SRF2 Kultur, 21. Januar 2015

© Philipp Zinniker
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