Ein weisser Mann mit einem grossen Gewehr
Interview mit Gaea Schoeters
Es ist überraschend, heutzutage einen Roman über Grosswildjagd in Afrika zu lesen. Wie kamen Sie auf die Idee, darüber zu schreiben?
Ich habe eine Werbung gesehen, dass man in Pakistan Jagdlizenzen für eine seltene Art von Steinböcken kaufen kann und mit diesen Lizenzen ein Schutz- und Zuchtprogramm für diese Steinböcke unterstützt. Ich habe angefangen zu recherchieren und bin zum Thema Trophäenjagd gekommen. Dabei manifestierte sich der Gedanke, dass nur Dinge, die einen materiellen Wert haben, es auch wert sind, geschützt zu werden. Diese Idee fand ich gleichzeitig so pervertiert und so faszinierend, weil das so viel über unsere Welt und über unser Weltbild erzählt, dass ich mich damit beschäftigen wollte. Lange dachte ich, dass ich eine Geschichte über Jagd schreiben würde, aber irgendwann wurde mir klar, dass es sich dabei nur um einen Rahmen handelt und dass das eigentliche Thema der «white gaze», unser neokoloniale Blick auf den afrikanischen Kontinent ist. Es ist eigentlich eine Erzählung über zwei Weltbilder, die miteinander kollidieren.
Sie spielen mit unseren Vorstellungen von Afrika, unseren von romantischen Filmen oder Safari-Reisen geprägten Bildern. Wie funktioniert das in der Geschichte? Und warum haben Sie sich entschieden, das in dieser affirmativen Weise zu tun?
Hunter White kommt in «Afrika» an und denkt, ihm könne nichts passieren. Er ist ein weisser Mann mit einem grossen Gewehr, der denkt, seine Art zu leben, seine Art zu denken sei nicht nur die beste, sondern auch die einzige mögliche. Das kollidiert mit einer Zivilisation, die auf komplett andere Weise funktioniert. Dabei wird Hunter nicht nur bewusst, dass er in dieser Welt komplett hilflos ist, sondern auch, dass der Mensch nicht neben der Natur steht, sondern ein Teil dieser Natur ist.
Das Buch ging also zuerst um Jäger und Trophäen und wurde dann zu einem Buch über einen weissen Jäger in unserer postkolonialen Gegenwart?
Ziemlich früh in meiner Recherche habe ich ein Bild von David Chanceller gesehen: ein Jäger, der in seinem Trophäenzimmer sitzt. Vorne links in diesem Bild steht, so dachte ich, ein ausgestopfter Mensch – zwischen all diesen anderen Trophäen. In diesem Moment war eigentlich die ganze Geschichte in meinem Kopf klar: wie es weitergehen muss mit den Big Six, und dass auch der Junge Beute sein könnte. Zum Glück ist es im Bild kein Mensch, sondern bloss eine Figur, aber auf mich wirkte es sehr verwirrend. Später bin ich dann auf einen Bericht gestossen über Botswana, wo ein San-Volk aus seinem ursprünglichen Gebiet vertrieben wurde. Zwei Generationen lang wohnten sie in einer kleinen Stadt, fielen in Armut, bis sie – das stand da wirklich so –in ihr ursprüngliches Revier reintegriert wurden, um dort das ökologische Gleichgewicht wieder herzustellen. Normalerweise nutzen wir dieses Vokabular, wenn wir über Wölfe oder Bären sprechen. Wenn man in der gleichen Weise über Menschen wie über Tiere redet, bedeutet das, dass wir sie mit dem gleichen Blick betrachten. Und wenn man das dann zu Ende denkt, also wenn Trophäenjagd eine Art von Artenschutz ist wie im Bespiel von Pakistan, und wenn Menschen wie Tiere beschrieben werden, dann kommt man zu dem Gedanken, dass Menschenjagd eine Art von Entwicklungshilfe sein könnte. Aus dieser Quintessenz ist dann die Idee entstanden, diese Geschichte so zu erzählen.
Sie benutzen viele positive Bilder von Jagd und Männlichkeit, man hat das Gefühl, Sie wollen uns auf bestimmte Fährten locken, dazu verführen, bestimmte Gedanken nachzuvollziehen und mitzugehen, damit wir irgendwann in die Falle stolpern. War das von Anfang an intendiert?
Die erste Frage, die man sich als Autorin stellen muss, ist die nach der Perspektive. Wir sind so an schlimme Nachrichten gewohnt, dass wir gelernt haben, uns davor zu schützen und uns einen Panzer zugelegt haben. Wenn man diesen Panzer durchbrechen will, muss man, glaube ich, die Perspektive ändern. Im Allgemeinen denken wir, Kolonialismus sei lange her, habe nichts mit uns zu tun, und dass wir auf jeden Fall progressiver sind. Ich wollte aus Hunter Whites Perspektive schreiben, durch seine Augen diese Welt anschauen, und das hatte mit dieser Falle zu tun, die ich für die Leser*innen aufstellen wollte.
Wie würden Sie diese Falle beschreiben? Worum ging es Ihnen dabei?
Ich habe herausgefunden, dass ich all diese typisch kolonialen Afrikabilder sehr leicht evozieren konnte, weil sie so tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert sind. Die Safaribilder von afrikanischer Landschaft mit oranger Sonne, diese Hemingway-Geschichten, die Erotisierung von Schwarzen Körpern, das alles kennen wir so gut aus der Literatur, von Fotografien und aus Filmen, dass wir diese Bilder sehr leicht akzeptieren und uns dadurch in die Gedanken von Hunter White mitnehmen lassen. Hunter argumentiert ja auch, redet sich das alles selber schön – und er verführt offenbar Leser*innen dazu, diesen Denkmustern zu folgen, bis sie irgendwann darüber erschrecken, wie weit sie in dieser Logik gegangen sind.
Warum haben Sie als weisse Autorin entscheiden, diese Geschichte auf diese Weise zu schreiben? Warum wollten Sie sich drei Jahre lang mit Hunter White auseinandersetzen?
Es waren, glaube ich, sogar sechs. Von wollen kann wahrscheinlich keine Rede sein. Aber nachdem ich dieses Bild von Chancellor gesehen habe, den Jäger zwischen seinen Trophäen, der ganz normal aussah, wollte ich wissen, wer dieser Mann ist. Ich glaube nicht, dass Kolonialismus nur mit pervertierten Psychopathen zu tun hat, es ist vielmehr systemisch als persönlich. Jagd wie Kolonialismus ist stark mit Männlichkeit verknüpft, beides sind sehr männliche Phänomene. hat mit einer Idee von Überlegenheit zu tun, die in unserer westlichen Kultur und damit auch in uns steckt. Als ich angefangen habe, über meine Idee zu sprechen, bin ich auf grossen Widerstand gestossen, alle haben mir abgeraten, dieses Buch zu schreiben. Aber gerade weil es so viel Reibung gab, merkte ich, dass wir uns mit unserer Kolonialgeschichte beschäftigen sollten, dass wir nicht wirklich fertig damit sind. Und was Hunter White angeht, bin ich immer fasziniert von Figuren und Charakteren, mit denen ich sehr wenig gemeinsam habe. Wir leben in einer sehr polarisierten Welt, wir kommen nicht mehr miteinander in Gespräch. Als ich Hunter White in meinem Kopf kennengelernt habe, haben wir zuerst über Dinge geredet, die wir gemeinsam haben: die Liebe zur Natur zum Beispiel. Und dann kann man sich langsam an die Themen wagen, über die man komplett anders denkt.
Es gibt im Roman zahlreiche Verweise auf Joseph Conrads «Herz der Finsternis». Wie wichtig ist diese Referenz für Sie?
«Herz der Finsternis» spielt im Kongo, das ist in Belgien direkt mit unserer Kolonialgeschichte verbunden. Ich habe die Form der Reise übernommen. Bei Conrad ist es der Fluss, bei mir diese Schlucht, die Hunter immer tiefer und tiefer in diesen Abgrund führt. Es ist die Geschichte eines weissen Mannes, der in einer fremden Welt komplett die Orientierung, vor allem die moralische Orientierung verliert. Ich wollte mit Hunter White nicht nur eine Geschichte über einen Mann erzählen, sondern in der Kollision zweier Wertesysteme eine Metapher für das ganze westliche Denken schaffen.
Erfährt Hunter White auf seinem Todesweg eine Art Läuterung?
Sein Wertesystem implodiert. Er versteht, dass die ganze Konstruktion eine Lüge war. Er ist gezwungen, dieser Wahrheit ins Auge zu schauen und die Verantwortung für das zu übernehmen, was er getan hat, ohne es schön reden zu können. Und er zahlt für seine Tat mit seinem Tod.
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