Der unsichtbare Dirigent

Annina Hasler

Sassen Sie schon mal in unserer Theaterbeiz «Vierte Wand», als die Musik ausgeblendet wurde und über den Lautsprecher eine warme Stimme eine Technikerin hinter die Bühne rief? Dann ist es sehr gut möglich, dass Sie Hasan Koru gehört haben.

Unser Inspizient ist eine Art unsichtbarer Dirigent, der während einer Vorstellung alle Fäden in den Händen hält – symbolisch gesprochen, denn die «Fäden» sind in seinem Fall zahllose Tasten auf einem Pult auf der Seite der Bühne. Sein Arbeitsplatz erinnert an ein Pilotencockpit. Hasan Koru muss ein Ballett- oder Theaterstück in- und auswendig kennen, denn er gibt in enger Absprache mit den Bühnenmeister*innen das Kommando für die Umbauten auf der Bühne, an die Lichttechniker*innen, an Schauspieler*innen, ruft eilig eine Ankleiderin herbei oder sucht eben über das zentrale Mikrofon nach verloren gegangenen Mitarbeiter*innen.

Das Stück beginnt – ohne den Dirigenten

Vor sich hat der ehemalige Balletttänzer, der früher unter Martin Schläpfer oder Félix Duméril auf der Bühne des Stadttheaters tanzte, ein Buch liegen, in dem er alles notiert, jede Lichteinstellung, jede Choreografie, jede Kulisse. Sollte Hasan mal krank sein, können auch seine beiden Mitarbeiter Miklós Ligeti und Denis Puzanov das Stück «lesen» und einspringen.

Wobei, krank war Hasan noch nie. Zu spät jedoch schon: Vor einigen Jahren lief im Stadttheater die Oper Tosca, Hasan war als Inspizient verantwortlich. An einem Winternachmittag verliess er sein Zuhause in Münchenbuchsee um 16 Uhr. Vorstellungsbeginn war wie üblich erst um 19.30 Uhr, aber es schneite stark und Hasan wollte kein Risiko eingehen. Doch der Strassenverkehr kam komplett zum Erliegen und Hasan blieb auf der Autobahn stecken. Kurz bevor sich am Kornhausplatz der Vorhang hob, gab er dem Regieassistenten per Telefon letzte Anweisungen. Als er dann endlich selber am Inspizientenpult sass, lief die Vorstellung bereits gute 30 Minuten.

Auch eine Art Sicherheitschef

Normalerweise ist Hasan kurz vor Vorstellungsstart die Ruhe selbst. «Da könnte der Bundespräsident hinter die Bühne kommen, ich würde mich nicht ablenken lassen.» Denn sein Job ist auch eine Art Sicherheitsgarantie für alle Mitarbeiter*innen: Gerade bei sekundenschnellen Umbauten sei es wichtig, dass alle hinter und auf der Bühne ihren Platz kennen, sagt er – sonst könne es gefährlich werden.

Die Arbeitstage eines Inspizienten sind lang, so wie die Tage vieler Menschen, die am Theater arbeiten. Oft hat Hasan erste Proben am Morgen und dann nochmals welche am Nachmittag, die bis in die Nacht hineindauern können. Kurz vor einer Premiere, in den Endproben-Tagen, kommt er selten vor zwei Uhr ins Bett. Dennoch: Sein Job sei «eine der schönsten Arbeiten in einem Theaterhaus», findet Hasan. «Wer sonst kann von sich behaupten, Abend für Abend ein Ballettstück, eine Oper oder ein Theater zu sehen – noch gratis dazu?»

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