Interview: Masabane Cecilia Rangwanasha

Chloé Laure Reichenbach

Über ihre Rolle als Elettra

Chloé Laure Reichenbach: Herzlichen Glückwunsch zu deiner tollen Performance als Elettra in «Idomeneo»!

Masabane Cecilia Rangwanasha: Danke dir! Ich liebe es, die Rolle der Elettra zu singen, weil sie so eine interessante Figur ist. Es geht in dieser Rolle nicht nur um die Musik – ihr Charakter ist so vielschichtig, als Person/Persönlichkeit ist unvorhersehbar.

Chloé: Inwiefern unvorhersehbar?

Cecilia: Sie kann ein liebes Mädchen sein, aber genauso gut ein «Bad Girl».

Chloé: Was ist gesangstechnisch herausfordernd an dieser Rolle?

Cecilia: Es ist eine der schwierigeren Rollen von Mozart, das Stimmfach ist Soprano, doch du musst neben den sehr langen Sequenzen an hohen Noten auch tiefe Noten singen – mit der Begleitung des Orchesters, das sehr dramatische Musik spielt. Es handelt sich um eine Rolle, die normalerweise etwas ältere Sänger*innen singen, weil sie jede Menge Erfahrung voraussetzt.

Chloé: Als Elettra singst du die kraftvolle Arie «D’Oreste d’Aiace», für die du von den Kritiken sehr gelobt wurdest…

Cecilia: Ja, diese Arie ist eine meiner Lieblingsarien in dieser Oper. Elettra singt drei Arien. Bei der ersten Arie am Anfang realisiert sie, dass ihre Zukunft als Königin nicht sicher ist. Sie hält ihre Gefühle jedoch etwas zurück, da es sich für sie noch um blosse Spekulationen handelt. Bei der zweiten Arie glaubt sie wieder an ihre Liebe zu Idamante, und daran, dass ihr Traum wahr werden kann. In der dritten Arie erkennt Elettra, dass Idamante sich fremdverliebt hat und sie nicht heiraten wird, und lässt deshalb ihrem Kummer und ihrer Enttäuschung freien Lauf. Sie sehnt sich nach dem Tod, der sie von ihrem Schmerz erlösen soll.

Chloé: Diese letzte Arie und allgemein die Rolle der Elettra ist sehr dramatisch angelegt - kommt für dich das Schauspielern bei solchen ausdrucksstarken Arien auf eine «natürliche» Art hinzu, oder setzt es besonders viel Arbeit voraus?

Cecilia: Du musst bei einer solchen Arie sehr vorsichtig sein. Du darfst dich nicht zu sehr vom Singen treiben lassen, das Gleiche gilt fürs Schauspielen. Zu viel Schauspiel affektiert den Gesang. Es muss eine kunstvolle Balance aus beiden sein. Ich habe zur Vorbereitung viele Videos geschaut von Performer*innen, die Elettra gesungen und dargestellt haben.

Chloé: Hat es einen besonderen Reiz für dich, eine tragische Figur darzustellen bzw. zu singen?

Cecilia: Ich denke, dass das Spielen und Singen tragischer Figuren viel mehr Spass macht als nette und glückliche Figuren, bei denen du nicht so viele charakterliche und sängerische Facetten erfahrbar machen kannst. Figuren wie Elettra ermöglichen es dir mit ihrer Emotionalität in Dimensionen zu gehen, die du entdecken und erforschen kannst und die du vielleicht in deinem eigenen, echten Leben noch nie erlebt hast.

Chloé: Gab es in deinem Leben einen spezifischen Punkt, an dem du wusstest, dass du Opernsängerin wirst?

Cecilia: Nicht per se beruflich, weil es da wo ich herkomme, nicht allzu viele Opernsänger*innen gibt -dementsprechend ahnte ich damals noch nicht, dass aus dem Singen eine Karriere werdenkönnte. Wir sangen vor allem im Kirchenchor, und ich sang auch in der Schule. Da ich keine direkten Vorbilder hatte, dachte ich damals nicht, dass ein solcher Job überhaupt möglich wäre. Ich wollte Jura studieren. Meine Mutter war diejenige, die mich ermutigte, meiner Leidenschaft nachzugehen; sie sagte mir: wenn du so gerne singst, wieso machst du denn keine Musik?

Chloé: Wie kamst du zur Oper? War es Liebe auf den ersten Blick oder eher ein langsames Herantasten?

Cecilia: Als ich zum Opern-Department der Universität Pretoria kam, wurde mir schlagartig bewusst, dass Oper das ist, was ich machen möchte. Ichfing an, auf Italienisch, auf Französisch oder Deutsch zu singen, und verstand allmählich, worum es  in all diesen Operntexten geht.

Chloé: Gibt es eine Sprache, in der du am liebsten singst?

Cecilia: Ja, ich dachte immer, ich singe am liebsten auf Italienisch, doch mittlerweile habe ich auch Französisch für mich entdeckt und finde, es wirklich schön zum Singen, weil es so eine elegante Sprache ist.

Chloé: Inwiefern beeinflusst die Sprache den Gesang?

Cecilia: Ich spreche zwar kein Italienisch, Französisch oder Deutsch im Alltag, aber als Opernsängerin studiere ich die Phonetik der entsprechenden Sprachen, ich bekomme Übersetzungen und werde gecoacht. Die Sprache beeinflusst den Gesang insofern, als dass du ab dem Moment, indem du verstehst, was du singst, es natürlich auch anders singst. Im Gesang geht es aber immer um Etwas Umfassenderes, jenseits des blossen sprachlichen Verständnisses. Das Singen ist der letzte Teil der Arbeit. Bevor ich eine Rolle singen kann, bereite ich mich wochen – und teilweise monatelang darauf vor.

Chloé: Hast du eine Lieblingsarie, oder eine Lieblingsrolle?

Cecilia: Ich mag die Figur der Liu in Turandot, der Oper von Puccini. Diese Figur unterscheidet sich beispielsweise start von Elettra. Liu ist eine Sklavin, sie ist gefangen zwischen ihrer Liebe zu dem Prinzen Calaf und dessen Besessenheit von der Prinzessin Turandot. Liu ist ein Opfer, sie ist kein *Bad Girl“ - ihre emotionale Entwicklung ist sehr stark und interessiert mich sehr.

Chloé: Du bist in Limpopo, Südafrika geboren, hast dann in Pretoria und Kapstadt studiert, zogst dann nach London, und bist nun seit dieser Spielzeit in Bern. Wie gefällt dir das Leben hier?

Cecilia: Bern ist ein guter Ort. Ich mag es generell sehr, das Land zu entdecken, in dem ich lebe. Wenn ich nicht singe, unternehme ich viele Ausflüge. Gestern zum Beispiel war ich am Genfer See. Ich versuche immer, möglichst viel zu sehen.

Chloé: Wie war die Umstellung von London nach Bern?

Cecilia: Es ist ein Riesenkontrast. Als ich hierher kam hatte ich das Gefühl, alle sind entspannt. In Kapstadt, Johannesburg oder London ist alles schnell und hektisch. Das, was ich hier besonders schätze hier, ist die frische Luft. Es erinnert mich an meinen Heimatort.

Chloé: Vielen Dank dir für dieses Interview und dir nur das Beste!

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