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ein Gespräch zwischen der Regisseurin Anja Behrens und der Dramaturgin Julia Fahle
Julia Fahle: Anja, es ist nicht das erste Mal, dass du dich eines antiken Stoffs annimmst. Hast du eine besondere Faszination für antike Tragödien?
Anja Behrens: Ja, tatsächlich zieht es mich immer wieder zu antiken Stoffen, eigentlich seit ich angefangen habe, Theater zu machen. Für mich ist das Lesen antiker Tragödien vergleichbar mit dem Lesen von Tarotkarten. Es gibt immer ein bestimmtes Bild, das heraussticht. Ich lese sie weniger als Narrativ, sondern vielmehr als Symbolbuch. Es geht immer um die Verhandlung von Urgefühlen. Das macht die antiken Stoffe so zeitlos. So kann Agamemnon beispielsweise als Symbol für eine Kriegsmaschine gelesen werden. Diese «Figurensymbole» ermöglichen eine grosse Assoziationsfreiheit und eröffnen eine Welt, die mir für alle Menschen zu jeder Zeit emotional lesbar scheint.
Im 3. Teil der Orestie wird die Geburt der Demokratie beschrieben. Gerade heute schien es uns besonders relevant, an die Wichtigkeit dieser Staatsform zu erinnern, da sie die Menschenwürde schützt. Zumal die Demokratie in zahlreichen Ländern kontinuierlich schwindet, während autoritäre und rechtsextreme Parteien erstarken.
Unser erstes Treffen in Bern war kurz nach der Wiederwahl von Donald Trump. Unglaublich, was seitdem alles passiert ist. Der Angriff auf Venezuela, die Härte, mit der die ICE vorgeht und sogar Kinder festnimmt, die Schauprozesse gegen Demonstrierende im Iran, die Aufrüstung der ganzen Welt, der nicht enden wollende Krieg in der Ukraine und Gaza – die Liste liesse sich endlos fortsetzen. Gerade jetzt ist es wichtig, über unsere Werte zu sprechen. Zudem ist Die Orestie ja auch ein Antikriegsstück. Mich treibt dieser Kreislauf der Gewalt um. Und damit verbunden die Frage
danach, wie wir da wieder herausfinden.
Du hast dem Stück einen Prolog vorangestellt, der eine Gewaltspirale über fünf Generationen hinweg beschreibt.
Ja, ich wollte unbedingt mit dem Tantalos-Fluch beginnen. Transgenerationale Traumata, die sich von Generation zu Generation vererben, sind mein grosses Thema als Theaterschaffende. Mich interessieren Traumata, die wir als kollektive Gemeinschaft leben. Und die Tatsache, dass wir dafür keine Sprache haben. Deshalb ist der erste Teil der Inszenierung auch körperlich-performativ, eine assoziative Reise in Sprachlosigkeit, während der zweite Teil der Inszenierung die konkrete Geschichte verhandelt, also den ersten und zweiten Teil der Orestie, in denen das Prinzip der Blutrache vorherrscht.
Ich habe das Gefühl, dass wir in Zeiten der Untröstlichkeit leben, in einer Art weltweiten Depression. Was ich sagen will: Es fällt gerade besonders schwer, hoffnungsvoll zu bleiben. Irgendwann hattest du die Idee, den dritte Teil durch die Menschenrechte zu ersetzen. Ich war sofort begeistert, denn es zeigt, dass es ja Lösungen und Ideen für eine friedvolle Mitmenschlichkeit, für Freiheit und Gleichheit gibt, auf die wir uns geeinigt haben. Obwohl man leider sagen muss, dass Menschenrechtsverletzungen global enorm angestiegen sind und die menschenrechtsfeindliche Politik von Trump und der «Trump-Effekt» dies zunehmend verschärfen.
Ja, deshalb wollte ich unbedingt an die Menschenrechte erinnern. Von der Frage danach, warum die Wurzeln der Demokratie nicht stark genug
sind und warum die Demokratie gefährdet ist, kam ich auf die Frage: Was sind eigentlich unsere Werte? Und dann habe ich mich gefragt, wann ich selbst die Menschenrechte zum letzten Mal gelesen habe. Daraus ist die Idee entstanden, diese anstelle des dritte Teils der Orestie hörbar zu machen, und zwar von Kindern gesprochen. Vielleicht kann das ein Moment des Trostes sein in diesen Zeiten: gemeinsam hinzusehen, hinzufühlen und zuzuhören.
Spieldaten
30' vor Vorstellungsbeginn