Ausdrucksstark, dynamisch, eindrucksvoll: Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten ist das Aris Quartett auf den internationalen Bühnen zuhause. Mit seiner unverwechselbaren Klangsprache gehört es längst zur Top-Riege der Kammermusik. Zu den Auftrittsorten des Ensembles zählen Säle wie die Londoner Wigmore Hall, die Elbphilharmonie Hamburg, das Herbst Theatre San Francisco oder die Philharmonie de Paris. Hochkarätig ist die Auswahl ihrer Kammermusikpartner*innen: Christiane Karg, Tabea Zimmermann, Daniel Müller-Schott, Eckart Runge, Kit Armstrong und Nils Mönkemeyer. 2009 in Frankfurt am Main gegründet, spielt das Aris Quartett bis heute in unveränderter Besetzung. Mit zahlreichen ersten Preisen bei renommierten Wettbewerben gelang dem Aris Quartett schnell der internationale Durchbruch. Die Musiker wurden zudem als «ECHO Rising Stars» der European Concert Hall Organisation ausgezeichnet, zählten zu den «New Generation Artists» der BBC und erspielten sich beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München gleich fünf Preise. Neben regelmässigen Auftritten in Radio und TV hat das Aris Quartett mittlerweile schon sechs von der Fachpresse vielbeachtete Album-Produktionen vorgelegt.
Nach seinem Debüt bei Kammermusik Bern im Jahr 2020 spielt das Aris Quartett nun zum zweiten Mal in unserer Reihe.
Seine ersten Jahre in Wien nutzte Ludwig van Beethoven vor allem, um sich den Ruf eines glänzenden Klaviervirtuosen und -komponisten zu erspielen. Erst 1899 wagte er sich mit seinem Opus 18 an jene Gattung, die sein zeitweiliger Lehrer und Mentor Joseph Haydn zum Goldstandard allen Komponierens gemacht hatte: das Streichquartett. Dem Freund Carl Amenda schreibt Beethoven, er wisse «erst jetzt recht Quartetten zu schreiben». Schon das erste der sechs Debüt-Quartette op. 18 zeigt eindrucksvoll, dass Beethoven von Anfang an neue Massstäbe setzen möchte.
«Il prend le tombeau» und «les derniers soupirs» notiert Beethoven in den Skizzen zum langsamen Satz des F-Dur-Quartetts – Anspielungen auf die Gruftszene aus Shakespeares Romeo und Julia, die diesen Satz offenbar inspiriert hat. Dieses hochemotionale und eigenwillig gestaltete Adagio ist fraglos ein erstes Highlight in Beethovens Quartettschaffen, aber die übrigen Sätze sind es nicht minder: Ein straffer Kopfsatz widmet sich der motivischen Arbeit mit dem Hauptthema, das Scherzo überrascht durch die Proportionen seiner einzelnen Formteile und der Finalsatz präsentiert sich als eine Mischung aus Sonaten- und Rondosatz.
Quartetto serioso – dieser Titel stammt tatsächlich von Beethoven selbst; er findet sich eigenhändig auf dem Autograph, nebst Widmung an den Freund Nikolaus Zmeskall von Domanovecz, der Beethoven in den unglückseligen Zeiten des Jahres 1810 zur Seite gestanden hatte (die Schülerin und Musikerin Therese Malfatti hatte seine Liebe nicht erwidert). Erstaunlich für Beethovens Verhältnisse ist, dass dieses «ernste Quartett» erst vier Jahre später uraufgeführt wurde.
Ein kurzer, energischer Gedanke beherrscht den ersten Satz, wird nach und nach durch alle Stimmen geführt und entfaltet seine ganze Kraft schliesslich im Unisono. Das kontrastierende Seitenthema kann sich kaum durchsetzen; die Coda verklingt im Pianissimo. Es folgt ein Allegretto, das mit einer liedhaften Melodie in der ersten Violine Gestalt annimmt. Aus einem chromatischen Nebensatz entsteht später ein Fugato. Attacca subito beginnt das Allegro assai vivace, dessen rhythmisch pointierter Hauptgedanke an den ersten Satz erinnert. Ein weiteres Thema erscheint im Trio. Das Finale schliesslich beginnt mit einem wehmütigen Larghetto, ehe ein sprühender Rondosatz zu einem befreienden Abschluss des Werkes führt.
Den Abschluss dieses Konzertes bildet das mittlere der drei «russischen Quartette» op. 59, komponiert für den russischen Gesandten Graf Andreas Kyrillowitsch Rasumowsky, der nicht nur ein leidenschaftlicher Musikliebhaber, sondern vor allem auch ein Freund und Förderer Beethovens war. Typisch für die Rasumowsky-Quartette sind eine neue Form der Themenbehandlung – die sogenannte «entwickelnde Variation», durch welche die einzelnen Motive und Themen fortlaufend verändert, neu kombiniert und weiterentwickelt werden – und eine Weitung der Dimensionen.
Zwei Akkordschläge eröffnen das zweite Quartett. Pointiert unterbrechen sie das Geschehen im weiteren Verlauf des Kopfsatzes. Damit entsteht ein zerklüfteter Satz von hoher Dramatik. Der Legende nach soll Beethoven der zweite Satz eingefallen sein, «als er einst den gestirnten Himmel betrachtete». Im Allegretto erscheint ein «Thème russe» – eine augenzwinkernde Hommage an den Auftraggeber. Das Finale ist als Mischung aus Rondo- und Sonatenform angelegt. Nicht weniger als elf Mal kehrt das Refrainthema wieder. Es verleiht diesem Schlusssatz einen tänzerischen und temperamentvollen Charakter.