Seit fast drei Jahrzehnten prägt das Cuarteto Casals die internationale Kammermusiklandschaft und hat sich als eines der bedeutendsten Streichquartette unserer Zeit etabliert. Gegründet 1997 an der Escuela Reina Sofía in Madrid, ist das Quartett heute regelmässiger Gast in vielen der renommiertesten Konzertsäle der Welt, darunter die Carnegie Hall in New York, die Berliner Philharmonie, die Cité de la Musique und die Philharmonie de Paris, das Wiener Konzerthaus und der Musikverein, das Concertgebouw in Amsterdam sowie die Suntory
Hall in Tokio. Ihre tiefe Hingabe zu jedem einzelnen Werk spiegelt sich in einer Diskographie von rund zwanzig Alben wider, die Werke von Bach, Haydn, Mozart, Schubert und Brahms ebenso umfasst wie den kompletten Zyklus der Beethoven-Quartette und Werke bedeutender Komponisten des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig wurde ihre künstlerische Ausdruckskraft auch stark durch die enge Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponist*innen geprägt. So pflegt das Quartett eine langjährige Beziehung zu György Kurtág und hat Werke führender spanischer Komponist*innen uraufgeführt.
Schon 2000, 2006, 2015 und 2019 war das Cuarteto Casals bei Kammermusik Bern zu Gast. Nun dürfen wir dieses renommierte Quartett zum fünften Mal bei uns begrüssen.
Nur drei Jahre nach Joseph Haydns Tod vermerkt der Musikgelehrte Ernst Ludwig Gerber in seinem Historisch-biographischen Lexicon, mit seinen Quartetten op. 20 erscheine Joseph Haydn «erstmals in seiner ganzen Grösse als Quartetten-Komponist». Heute bezeichnet
man die sechs Werke dieser Sammlung meist als «Sonnenquartette», ein illustrer Titel, der die frühe Meisterschaft bildlich zu unterstreichen scheint, auch wenn der Beiname in Wirklichkeit nur daher rührt, dass ein Druck aus dem Jahr 1772 auf dem Titelblatt mit einer Sonne illustriert ist.
Gefühlsgeladen tritt das Hauptthema im ersten Satz des f-Moll-Quartetts in Erscheinung. Ein verspieltes Seitenthema tritt hinzu und gewinnt im Satzverlauf allmählich an Bedeutung. Überraschend ist auch der Schluss des Satzes, der noch einmal in entfernte Tonarten führt. Das Menuett ist ungewöhnlich dunkel und ernst gestimmt. Das Adagio sorgt mit einem Wechsel nach Dur für Aufhellung. Im Schlusssatz, einer «Fuga a 2 soggetti», zieht Haydn schliesslich alle Register seines kontrapunktischen Könnens. Es ist besonders dieser Satz, der den hohen ästhetischen Anspruch Haydns belegt.
Raquel García-Tomás, 1984 in Barcelona geboren, zählt zu den bekanntesten Komponist*innen der jungen Generation. Ihr Schaffen ist häufig interdisziplinär ausgerichtet und umfasst inzwischen mehrfach preisgekrönte Opern wie Je suis narcissiste und Alexina B. Ihre Werke wurden unter anderem im Auditorio Nacional de Música de Madrid, der Wigmore Hall, dem Concertgebouw und dem Wiener Konzerthaus aufgeführt. 2024 erhielt sie den Nationalen Kulturpreis ihres Heimatlandes «für ihre herausragenden Leistungen in der Musikkomposition».
Ihr neues Streichquartett A frec wurde im Auftrag des Cuarteto Casals erschaffen. Der katalanische Ausdruck «a frec» beschreibt einen Moment extremer Nähe: den Augenblick,, in dem sich zwei Körper fast berühren, den minimalsten Abstand vor dem Kontakt. Im Kern steht die Idee der Reibung: nicht nur als physikalisches Phänomen, sondern auch als klangliches und expressives Prinzip. Das Werk erforscht den Kontaktpunkt – oder den Beinahekontakt – als generative Kraft, in der Klang aus der heiklen Verbindung zwischen Widerstand und Bewegung hervorgeht. In diesem Sinne wird das Streichquartett, dessen Klangproduktion auf der Reibung von Bogen gegen Saite basiert, zum idealen Medium.
Musikalisch entfaltet sich A frec durch wechselnde Klangmassen, die durch Wiederholung und subtile Variationen definiert sind. Materialien kehren wieder, verschieben und konfigurieren sich neu, was häufig zu unerwarteten Wendungen führt, die das Kontinuitätsgefühl beim Zuhören destabilisieren. Die Musik bewegt sich zwischen Dichte und Zerbrechlichkeit, zwischen Konvergenz und Trennung, als würde er die schwankende Distanz zwischen sich bewegenden Körpern verfolgen.
Mit über 600 Liedern ist Franz Schubert unbestritten der Lieder-Komponist schlechthin. Von daher ist es wenig erstaunlich, dass er Melodien einiger seiner Lieder auch in sein Kammermusikschaffen übernahm. Neben dem Forellenquintett ist das Streichquartett d-Moll der prominenteste Fall: Im langsamen Satz erscheint die Melodie des Liedes «Der Tod und das Mädchen». Die innere Kraft dieser in sich kreisenden, archaischen, an einen Trauermarsch erinnernden Melodie wird dabei zum Ausgangspunkt einer gewaltigen Variationenfolge. Der expressive Charakter dieses Themas beeinflusst aber auch die übrigen Sätze: Den ersten kennzeichnen abrupte Wechsel und kühne Modulationen. Das unruhige Scherzo vereint auf engstem Raum die Hauptmotive des Liedthemas, und das Rondo-Finale steigert diese Entwicklung mit einer Harmonik, mit der Schubert für seine Zeit neue Massstäbe setzt.
Erstaunlicherweise stiess das Werk bei den Freunden und Wegbegleitern auf Unverständnis: «Brüderl, dass ist nichts, das lass gut sein; bleib du bei deinen Liedern», soll Ignaz Schuppanzigh, Gründer des an vielen Uraufführungen Schuberts beteiligten Schuppanzigh-Quartetts, dem Komponisten nach einer privaten Aufführung zugeraunt haben. Ein hartes Urteil in einer für Schubert ohnehin harten Zeit. Der Komposition aus dem Jahr 1824 gingen private und berufliche Fehlschläge voraus, jenes «fatale Erkennen einer miserablen Wirklichkeit», von dem der Komponist zu dieser Zeit schrieb. Gleichzeitig steht es für Schuberts grosse Ambition, sich den «Weg zur grossen Symphonie zu bahnen». Darin ist es ein Schlüsselwerk im Schaffen Franz Schuberts.