2025 erhielt das Poiesis Quartet beim 15. Internationalen Streichquartett-Wettbewerb in Banff den ersten Preis und den Preis für die beste Interpretation der Auftragskomposition Rapprochement von Kati Agócs. «Poiesis» stammt aus dem Altgriechischen (ποιεῖν) und bedeutet «schaffen», insbesondere etwas zu erschaffen, das es zuvor noch nie gegeben hat. Anliegen des Quartetts ist es, das Repertoire für Streichquartette um Werke aufstrebender Komponist*innen – besonders LGBTQ+-Komponist*innen of Color – zu erweitern. Nach Uraufführungen von Werken von Brian Raphael Nabors, Kitty Brazelton und Cara Haxo wurde das Auftragswerk String Quartet No. 7 Surfacing des chinesisch-kanadischen Komponisten Kevin Lau 2025 in der Chautauqua Institution uraufgeführt. Das Debütalbum as we are (Label Bright Shiny Things, 2024) wurde für die «unermessliche Tiefe» des Quartetts gelobt (Cleveland Classical). Im Rahmen des Wettbewerbspreises wird das Poiesis Quartet in Europa u. a. bei der Biennale in Amsterdam, am Lucerne Festival, in der Londoner Wigmore Hall, im Schloss Esterhazy sowie beim DeutschlandRadio in Köln auftreten.
Von der unmittelbaren Gegenwart zurück zu einem genau zweihundert Jahre alten Meisterwerk – das ist die Formel dieses faszinierenden Programms. Den Auftakt macht dabei eine Komposition, die 2020 entstand. To Unpathed Waters, Undreamed Shores (nach einem Zitat aus Shakespeares Wintermärchen) ist ein mehrsätziges Werk für Streichquartett der US-amerikanischen Komponistin und Geigerin Michi Wiancko.
Das Werk versteht sich als eine musikalische Antwort auf globale Herausforderungen wie den Klimawandel und die COVID-19-Pandemie. Es geht um Resilienz, Regeneration und Hoffnung für die Menschheit. Die ersten vier Sätze thematisieren umweltbezogene Themen wie den Ozean, das Artensterben und das biologische Leben im Central Park. «Crying, Together» bildet den emotionalen Kern des Werkes; dieser Satz steht für kollektive Trauer und Verbundenheit. In «Follow the Water» ist das Wasser Symbol der Regeneration und des unerschöpflichen Lebens. «Rise up», der Finalsatz, ist ein Appell an die Menschheit und Ausdruck der Hoffnung.
An zweiter Stelle steht hier ein Auftragswerk des amerikanischen Hornisten und Komponisten Jeff Schott, der in Queens, New York, aufwuchs und heute an der University of Buffalo lehrt. Tapestry of the Beloved Beatified steht im Gedenken an verschiedene US-amerikanische Aktivist*innen der LGBTQ+-Bewegung wie Marsha P. Johnson, Harvey Milk und Sylvia Rivera. Das Werk changiert zwischen leisen Passagen und opulenter Polyphonie. Die Textur nimmt stellenweise sprachliche Züge an und verleiht den Opfern von einst damit eine Stimme.
Many Many Cadences – der Titel ist Programm: Allein in den ersten zwölf Sekunden erklingen etwa 15 Kadenzen, also Akkordfolgen, wie man sie aus der klassischen Musik als Bestätigung einer bestimmten Tonart oder als Schlusswendung kennt. «In diesem Stück dehne ich die Wahrnehmung der Zuhörenden von Kadenzen, indem ich diese vorhersehbaren Akkordfolgen in sehr schneller Folge neu kontextualisiere und dabei ständig Tonart und Register wechsle. Diese einsamen, nicht zusammenhängenden Phrasenenden verschmelzen schliesslich und verwandeln sich in neue Arten von Phrasen und Klangobjekten», so die Komponistin Sky Macklay. Das Stück ist dreiteilig angelegt. In den Eckteilen kommt es zu «zersetzenden Prozessen», in denen die Instrumente nach und nach aus dem Kadenzgeschehen aussteigen. Ein kontrastierender Mittelteil sorgt für Abwechslung.
Das F-Dur-Streichquartett op. 135 ist die letzte vollendete Komposition Ludwig van Beethovens, und gleichzeitig ein Werk, das in mehrfacher Hinsicht Rätsel aufgibt: «Der schwer gefasste Entschluss» ist der Finalsatz überschrieben. «Muss es sein?» steht ausserdem über der langsamen Einleitung, und «es muss sein!» über dem schnellen Hauptthema. Eine sehr prosaische, aber wohl unzutreffende Erklärung besagt, Beethoven sei hier mit einer Geldforderung seiner Haushälterin konfrontiert worden, einer anderen Theorie zufolge hat Beethoven mit diesem Quartett nur widerwillig dem Wunsch seines Verlegers Schlesinger entsprochen. Oder geht es hier doch eher um existenzielle Grundfragen? Auch das ist bei diesem «Opus summum» nicht auszuschliessen.
Im Kontext der fünf späten Quartette ist Opus 135 in jedem Fall eine Ausnahmeerscheinung, denn anders als die Schwesterwerke folgt es der tradierten viersätzigen Anlage mit einem Kopf- und Finalsatz in Sonatensatzform, einem Scherzo und einem langsamen Variationensatz. Das F-Dur-Quartett ist damit ein vergleichsweise klassisches Werk. Die kompositorische Arbeit im Detail ist dennoch überraschend und gibt dem konventionellen Äusseren ein neues Innenleben. Als «Ruhegesang oder Friedensgesang» bezeichnet Beethoven den langsamen Variationensatz, der ein Thema von entrückter Schönheit umkreist.