Dramaturg Michael Isenberg über «Gigiwonder. Die Geschichte eines Beins»

EINE GLOBALISIERTE WELT.

Anfang 1990 entstand der Begriff der Globalisierung und legte in den kommenden Jahren eine erstaunliche Karriere hin. Heutzutage teilen viele Menschen das Gefühl, in einer globalisierten Welt zu leben. Dabei ist Globalisierung kein radikal neues Phänomen: «Wenn es einen Einschnitt gibt, von dem an Globalisierung zumindest ein zentrales Thema von Geschichte und Erfahrung wird, dann ist dies das frühneuzeitliche Zeitalter von Entdeckungen, Sklavenhandel und ‹ökologischem Imperialismus›, nicht das späte 20. Jahrhundert», schreiben Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson in ihrer Geschichte der Globalisierung. Den Höhepunkt verorten sie für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das Niveau der weltweiten Kapitalströme von 1913 wurde ansatzweise erst in den 1970er-Jahren wieder erreicht, bis heute markiert 1913 in manchen Bereichen einen Höhepunkt der Globalisierung.

Trotzdem ist heute das allgemeine Bewusstsein, in einem Zeitalter der Globalisierung zu leben, präsenter als je zuvor. Der Wirtschaftswissenschaftler André Fourçans erklärte sich das vor rund fünfzehn Jahren so: «Heute haben wir den Eindruck, dass die Erde ständig bebt. Das liegt daran, dass der Einfluss der modernen Informations- und Kommunikationsmittel so stark ist, die Verbreitung von Telefon, Fax, Internet und Computertechnik so umfassend [...]. Genau genommen muss man sagen, dass die Globalisierung in ihrer aktuellen Gestalt auf eine seltsame Weise ‹dichter› ist, dass ihre gesellschaftlichen Folgen weiter reichen und zugleich einschneidender sind als in früheren Zeiten.»

Bereits Ende der 1960er-Jahre, noch vor der Erfindung des Internets, zeichnete der Medientheoretiker Marshall McLuhan das Bild eines globalen Dorfes: «Wir leben in einer brandneuen Welt der Gleichzeitigkeit. Die Zeit hat aufgehört, der Raum ist dahingeschwunden. Wir leben heute in einem globalen Dorf, in einem gleichzeitigen Happening.» Und auch wenn die Metapher des Dorfes heutzutage angesichts grassierender Globalisierungsängste und rückwärtsgewandter Abschottungsfantasien romantisch klingen mag, sollte McLuhan mit seiner These im Kern Recht behalten: «Im elektrischen Zeitalter, das unser Zentralnervensystem technisch so sehr ausgeweitet hat, dass es uns mit der ganzen Menschheit verflicht und die ganze Menschheit in uns vereinigt, müssen wir die Auswirkungen jeder unserer Handlungen tief miterleben. Es ist nicht mehr möglich, die erhabene und distanzierte Rolle des westlichen Menschen weiterzuspielen.»

Die globalen Machtverhältnisse haben sich mit Beginn des 21. Jahrhunderts weiter verschoben. In den letzten Jahrzehnten ist China zur stärksten Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Der wichtigste nationalstaatliche Handelspartner Afrikas ist seit 2011 China. Infrastrukturprojekte und Kredite gegen Rohstoffe, so der Deal. Chinesische Unternehmen bauen in Afrika Strassen, Brücken und Eisenbahnen. Sie exportieren dafür Rohstoffe. Während manche bei diesem Verhältnis von Neokolonialismus sprechen, sehen andere darin eine Chance eines für beide Seiten profitablen Bündnisses: «Wir haben einen Mangel an Finanzmitteln. Also helfen sie uns. Sie geben uns Kredite, und die meisten davon sind zinsgünstige Kredite. Wenn Sie einen Kredit von der Weltbank, dem IWF oder anderen Parteien erhalten wollen, müssen Sie einige andere Voraussetzungen erfüllen, z.B. politische oder soziale. China kümmert sich nur um die direkten geschäftlichen Belange. Geschäft ist Geschäft, Politik ist Politik, soziale Fragen sind soziale Fragen.» (Kassa Woldensembet Abebe)

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