Dramaturgin Julia Fahle über «Kaspar»

Wie wird man eigentlich ein Mensch? – oder die ­Zurichtung eines Menschen durch Sprache

Die Bühne, Stille und ein Körper. Es ist ein Nullpunkt, an dem Kaspar beginnt, sich über die Bühne zu bewegen, durch ein «Raummuseum», ein Abbild unserer Welt. Immer wieder wird er geleitet und getrieben von den Einsager*innen, die ihren «Schüler» durch Sprache zum Sprechen bringen, seinen unbeschriebenen Charakter formen wollen. Kaspar hat in der Realität durch die historische Figur des Kaspar Hauser eine konkrete Entsprechung, die der Autor Peter Handke als Ausgangspunkt gewählt hat.  


Dieser 16-jährige Kaspar Hauser taucht am Pfingstmontag, dem 26. Mai 1828 plötzlich auf dem Nürnberger Unschlittplatz auf und kann nur einen Satz sprechen: «Ä sechtene Reiter möchte i wähn, wie mei Vottä g’wähn is.» Wer ist dieser Kaspar Hauser? Ein Prinz, ein wiedergeborener Bewohner des mythischen Inselreichs Atlantis, ein Lügner und Betrüger? Woher kommt er? Wie kam er mit nur 21 Jahren zu Tode, war es Mord oder Suizid? Viele Legenden ranken sich um Kaspar Hauser, und so war er immer wieder Ausgangspunkt auch künstlerischer Auseinandersetzungen u. a. von Georg Trakl, Hans Arp, Walter Benjamin, Werner Herzog, Felicia Zeller, Olga Bach und eben auch Peter Handke.


Handke erzählt nicht die Lebensgeschichte von Kaspar Hauser, sondern lässt ihn als ein Fallbeispiel sprachlicher Sozialisierung auftreten. Unablässig wird Kaspar von den drei Einsager*innen bearbeitet, erzogen, normiert, diszipliniert, zu einem angepassten Gesellschaftsmitglied gemacht. Doch wer definiert das Gesellschaftsbild, in das man sich einzufügen hat, wenn man dazugehören will? Wer ist die Norm, wer nicht?


Die Frage danach, wie Sprache unsere Wahrnehmung, unser Denken und somit auch unser Handeln beeinflusst, ist alt, und mittlerweile ist die enorme Macht von Sprache unbestritten. Umso erstaunlicher, dass der aktuelle Diskurs um Sprache nicht selten als absurd oder lächerlich abgetan wird. Denn nicht alle dürfen sprechen, nicht alle werden gehört. «Wer erklärt die Welt? Wer benennt und wer wird benannt?», fragt Kübra Gümüşay in ihrem Bestseller Sprache und Sein.
Wie eine Folie liegt die gesellschaftspolitische Frage nach der Macht von Sprache über Handkes Stück, die Fragen:

Wie wird man eigentlich ein Mensch?
Wie werden Menschen zu dem,
was ihnen zugeschrieben wird?
Und wie können wir wirklich als Menschen sprechen?

«Das Stück Kaspar zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem. Das Stück könnte auch Sprechfolterung heissen. Die Zuschauer erkennen sofort, dass sie einem Vorgang zusehen werden, der nicht in irgendeiner Wirklichkeit, sondern auf einer Bühne spielt. Sie werden keine Geschichte miterleben, sondern einen theatralischen Vorgang sehen. Dieser Vorgang wird solange dauern, bis am Schluss des Stücks das Licht ausgeht», so Handke zu Beginn von Kaspar.

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