Lied gegen die Giggugang-Gäng

Eine kollektive berührende Begegnung auf der Bundesterrasse von Kim de l’Horizon, Hausautor*in 2021/22 am Schauspiel Bern

Einmal in einer Nacht bin ich spät noch über die Bundesterrasse hinauf
gelaufen nach Hause. Da traf mich eine bärtige Hexe. Sie allerdings
sah mich nicht, nicht weil sie blind gewesen wäre, obwohl sie das war,
aber nein, sie sah mich nicht, weil ich meinen Pirschgang anhatte.
Pirschgang?, fragen Sie sich vielleicht.
Lassen Sie mich kurz ausholen.


Und zwar zu Kim. Kim, müssen Sie wissen, war Lehrerin.
Kim hat mir mein erstes Gehen beigebracht.
Kims Gehen war keines auf allen Vieren, sondern jenes auf allen Sechsen,
allen Siebnen, allen Sinnen; jenes Gehen, das mehr ein
Durchkraulen der Materie ist als ein VonAhnachBeKommen.


Ich also – immer noch die Bundesterrasse erklimmend – ging im
Pirschgang, den ich von Kim gelernt hatte. Der Pirschgang
ist übrigens, wenn Sie mich dies auch kurz ausführen lassen, nur einer
der überlebenswichtigen Gänge, die mich Kim geteached hat:

  1.  DEN PRAGMATISCHEN PASSGANG:
    Linke Vorder- und Hinterbeine bewegen sich gleichzeitig,echte Beine gleichzeitig.
  2. DEN SEXY KREUZGANG:
    Linkes Vorder- und rechtes Hinterbein bewegen sich, und umgekehrt, hüftbetont.
  3. DEN PANISCHEN GALOPP:
    Bei crasser danger anzuwenden.
  4. DEN PIRSCHGANG:
    Die elegante Slow-Mo-Fortbewegung im Schutze grosser, dichter Büsche. Dieser Gang macht dich unsichtbar.


Ich kam in jener Nacht – das dürfte auch noch ausgeholt werden –
vom Theater her übrigens, wegen Kultur.
Sobald ich des Nachts jedoch alleine weile,
montiere ich den Pirschgang – und so geriet ich also in meinem
Kim’schen Gehen an diese Hexe.

Aber bevor ich zur Hexe komme, in deren Fänge ich da kam,
noch eine Ausholung zu Kim, Entschuldigung. Kim nämlich war kin¹,
war Sippe, Gefährtin,

wir waren eine Gang, die Tatzen-Tentakel-Gäng, wir übten
das Unsichtbarwerden, um nicht von den Tieren
gefressen zu werden, die gerne zart frittierte Tentäkelchen in Mayo
ertränken. Schon bald aber wiesen meine uhrentragenden Gefährt*innen auf
die Unterschiede hin, die zwischen mir und Kim stehen und sie sagten Sätze,
die mit WIR begannen, Sätze, die mir einbrieten, dass ich und Kim nicht im
selben WIR Platz haben.

«WIR FRESSEN NUR FRESSBARE TIERE,
NICHT DIE NICHT-FRESSBAREN! WIR VERSPRITZEN
DEN TEPPICH NICHT MIT TINTE AUS UNSEREM
NICHT VORHANDENEN TINTENTENTAKELHINTERN!» Etc.

«Aber» – holte ich aus – «das ist ja übermässig random, welche Tiere fressbar
sind und welche nicht! Und ich kann by the way super easy eines
meiner Beine heben und an eure bejeansten Beine pissen und mit meinen
vielfach behirnten Tentakeln spüre ich im Übrigen jede eurer
Gefühlsregungen, die ihr so kunstvoll verschweigt! Ich bin auch Kim!»


«Nix da. Du Mensch. WIR gehen nach Maiorcka in die Ferien.
WIR sind eine vierköpfige Familie. Nix Kim drin in dem WIR.»


Soweit das Flashback. Nun gerate ich aber endlich an die Hexe: Sie hat graue
Tentakelhaare auf Kopf und Oberlippe, und Peace-Ohrringe.
Ich verlangsame mein Pirschen, bis es ein Stehen ist. Ich beobachte die Hexe
und richte schliesslich meine Wörter an sie: «Sagen Sie, exgüse,
aber es sieht grad so aus –», da erschrickt die Hexe und ruft:
«Jesses, wie seid Ihr hierhergekommen?»
Und ich sage: «Ich habe mich angepirscht aus Furcht, und exgüse,
aber wollen Sie da gerade unser schön bekupfertes Bundeshaus sprengen?»
«Ja», sagt die Hexe, «fort mit dieser Hütte, ich bin für die
Zukunft des Planeten. Aber», wispert die Hexe und kommt mir ungefährlich
nahe mit ihrer unbewarzten Nase, «habt Ihr Durchfall?»

An dieser Stelle trete ich kurz noch einmal ein Ausholen an, sorryexgüse.
Ich wollte nämlich noch erzählen, dass ich mein Menschsein
dann schon irgendwann akzeptiert habe, damals in der Pubertät, da wollte
ich dann schon auch so Uhren tragen und so. Und ich habe
meine Tentakel abgeschnitten, weil die immer so rumfuchtelten.
Und ich habe mir den Kreuzgang abgewöhnt wegen der Hüften
und ich habe mir Testosteronsalbe auf dem Schwarzmarkt bestellt und
ich nahm Proteinshakes und Muscle-Pump und lernte das
Nicht-Kim’sche Gehen; diesen zweibeinigen, breitbeinigen
Giggu-Gäng-Gang.


Ja, ich wollte das Menschsein lernen, weil ich sah alldieweil mithin schon,
dass es zwei Arten von Körpern gibt: nämlich die Körper und
die Fastkörper. Das begriff ich – lachen Sie nicht – mal nach einem Theaterabend.
Unser Menschenlehrer hat uns dorthin gebracht wegen
Hochkultur, und Hochkultur – ich weiss nicht, ob Sie das schon wussten –
ist ja ein Raum, wo die echten Körper ihre Probleme verhandeln,
und der Boden ist der gut kompostierte Humus der verwesenden Fastkörper.


ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER TÖRÖÖ.


Und die Fastkörper, Sie haben es erraten,
die sehen zwar aus wie Körper, sind aber nur
LUSTGÄRTEN TITTENWESEN
REPRODUKTIONSFABRIKEN KOCHINSELINNEN /
FREMDKÖRPER FARBKÖRPER VERHÜLLTE STÜCKE UNTERDRÜCKTHEITEN
ARBEITSMASCHINEN CRASHTEST-DUMMIES /
STROMFRESSER KÜNSTLICHE KLUGHEITEN /
UNDISZIPLINIERBARE FLEISCHMASSE SOLLBRUCHSTELLEN
ABFALLEIMER KOMPOST² / EVOLUTIONSSACKGASSEN
FICKFEHLER / ENTRECÔTE-ANBAUGEBIETE OMEGA-3-RESERVOIRS
VITAMIN-HERSTELLERINNEN
eceterablabla, Sie wissen’s ja.


Aber gelernt habe ich das nicht im Theater, sondern nachher,
auf dem Heimweg, da haben es mir ein paar herrenvolle Fäuste eingeprügelt,
weil ich im Kreuzgang ging.


Jetzt habe ich aber genug herausgeholt aus meinem Flashback und
nun kommen wir finalmente zurück zur Hexe
auf der Bundesterrasse. Mit einer Stimme wie einem Engelchor fragt sie:
«Habt Ihr nun oder nicht?» Und mir bleibt nichts anderes
übrig als wahrheitsgemäss zu bejahen und zu fragen, wieso sie in der
Mehrzahl von mir spricht.

Aber da geht sie gar nicht drauf ein, sondern beginnt zu singen und zu jodeln
und auszuschreiten. Etwas weird zuerst, aber dann plötzlich berührt
es mich; dieses Theater, das sie da veranstaltet. Und das «Berührtwerden» ist
nun kein Wortmangel, keine Metapher, sondern ihr Gesingsang
berührt mich tatsächlich, es dringen die Schallwellen in mich hinein
und fassen meine Organe an wie Medizinfrauen die Neugeborenen
aussterbender Walfische; ja, die Hexe tanzt über
die Bundesterrasse und singt, und die Pilze, Algen, Flechten und
Moose, die im Sandstein des Bundeshauses vor
sich hin wuchern, die werden auch berührt von diesem Lied, sie werden ganz
happy und hyperaktiv und zersetzen im Zeitraffer die
Fassaden Bundesberns, und die gesamte Altstadt bröckelt fröhlich
verwesend darnieder von diesem Lied, das mich dermassen berührt, dieses
Lied für Mutter Erde, es langt mir in mein Gedärm und massiert
die Abermillionen Bakterien und Pilze; mein Mikrobiom, das für mich
verdaut, das mein Immunsystem subventioniert. Das Lied
berührt diese Lebewesen, von denen es mehr in mir gibt als «menschliche»
Zellen, und da raffen wir endlich, dass wir ja kein ICH sind,
sondern ein WIR, aber eben ein ziemlich anderes WIR als ein vierköpfiges
Familien-Wir, ein crazy wackediwoo riesiges Geflecht aus
Mikrokörpern, aus den Dingen, die den Kompost machen. Und eben dieser
Komposthaufen in meinen Organen, der uns als Anbaugebiet für
sich selbst am Leben hält, dieser Kompost war konfus, von den vielen
Proteinshakes und den anderen toxischen Dingen, die wir da in
uns hineingesoffen haben. Und während wir in einem freudigen Kreuzgang
um den Hexensabbat tänzeln, betrachten wir die Hexe und nehmen
uns vor, besser hinzuschauen, was da eigentlich die ganze Zeit in uns lauert
und nie eine Bühne kriegt.


Und wenn Sie sich immer noch fragen, was KIM ist, dann lauschen Sie in
sich rein: KIM IST WIR, IST TEIL VON IHNEN, und Sie haben
uns vielleicht noch nicht gesehen, aber nicht weil es uns nicht gibt, sondern
weil wir unsichtbar waren, weil wir den Pirschgang lernen mussten,
diesen unsichtbar machenden Unsichtbarkeitsgang, aber seien
Sie versichert, WIR sind Teil von Ihnen. Wenn Sie das nicht glauben, so müssen
Sie nicht den Pirschgang lernen. Hören Sie einfach ein Lied, dessen
Schallwellen Sie tief berühren oder googeln Sie ‹Mikrobiom›.

 

¹ Kin ist normalenglisch für SIPPE und coolfeministischenglisch für GEFÄHRTIN, mehr zu lesen bei Donna Haraway, kann ich sehr empfehlen, gibt es käuflich zum Erwerben als Buchstabenansammlung oder auch als Teaser auf diesem Internet, tippen Sie ein bei diesem Jutub: «Storytelling for earthly survival».
² Donna Haraway hat – wie zu fast allem – auch was zu Kompost zu sagen, nämlich dass alles hier Seiende Kompost ist, «we compose and decompose each other», mehr zu lesen in ihrem Text STAYING WITH THE TROUBLE – MAKING KIN IN THE CHTHULUCENE, zu Deutsch etwa: Bei der Scheisse bleiben – Kimmachen in unserer crazy Gegenwart.