Neugier

Schauspieldirektor Roger Vontobel schreibt über den Neustart in Bern und stellt sein Team, das Ensemble und das Programm vor.

Ein Hauseingang. Metalltür. Darüber ein verwitterter Baldachin. Alte Mauern drum herum, etwas löchrig, aber keineswegs kaputt. Daneben und darüber – Schicht über Schicht – gesprayt und wieder gesprayt. Zeichen von Leben, uralter Wunsch der Menschen, nicht in Vergessenheit zu geraten. In unmittelbarer Nähe dazu grüner Sandstein, wieder und wieder restauriert trotzt er den Jahrhunderten. Auch hier gelebtes Leben, nur sauberer …
Immer wieder finde ich mich in den verschiedensten Städten wieder – das Leben als Regisseur ist geprägt von vielen Ortswechseln. In den letzten zwei Jahren, in der Vorbereitungszeit für den Neustart in Bern, nun auch in und um Bern – und ich staune.

«Wenn ich jetzt losgehe, meine Zweifel und meine gewohnten Sichtweisen loslasse, was wird sich mir eröffnen?»

© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch
© Thomas Rabsch

Ich staune freudig angeregt über die unbekannten Details, die gewachsenen Widersprüche und unzähligen Möglichkeiten, die in der Erkundung dieser Orte liegen könnten. Wenn ich jetzt losgehe, meine Zweifel, meine Berührungsängste, meine Vorurteile und gewohnten Sichtweisen hinter mir lasse und mich darauf zubewege, naiv und offenen Herzens eintauche, was wird sich mir eröffnen? Was werde ich sehen und erleben? Wie werde ich mich verändern und was erfahre ich über mich durch andere?

Getrieben von einer ruhelosen Energie möchte ich mich verbinden mit den Orten, die vor mir liegen, mit den Menschen, die sie beleben, den Geschichten, die sich darin befinden. Allen Ängsten des Ungewissen und Unbekannten zum Trotz leitet sie mich vorwärts in die Zukunft. Es ist eine uns allen angeborene Kraft, die uns schon als Kinder lernen, wachsen und immer wieder von neuem scheitern und weiter ausprobieren lässt – die Neugier.

Auch zu Beginn jeder Regiearbeit stehe ich staunend vor den Texten, den Stücken, den Figuren und Schauplätzen darin. Welche Zusammenhänge werden sich auftun, wenn wir uns darauf einlassen? Ohne Angst und in Gemeinschaft loten wir Möglichkeiten aus – vor allem solche, die wir vorher nie für möglich gehalten hätten.
Und so stehen auch wir – Felicitas Zürcher, die neue Chefdramaturgin Schauspiel, die Dramaturg*innen Michael Isenberg und Julia Fahle und ich, das neue Team von Schauspiel Bern – vor unserem Neustart. Mit einem wagemutig-neugierigen Ensemble von Neu-, Alt-, Wahl- und sonstigen Berner*innen wollen wir uns auf den Weg machen. Es sind: Vanessa Bärtsch, David Berger, Jeanne Devos, Claudius Körber, Lucia Kotikova, Kilian Land, Jonathan Loosli, Jan Maak, Stéphane Maeder, Isabelle Menke, Linus Schütz, Yohanna Schwertfeger, Viet Anh Alexander Tran und Genet Zegay.

Gemeinsam wollen wir klassische Stoffe wie Maria Stuart und den Sommernachtstraum erkunden, neue Texte wie Jugojugoslavija von Bonn Park und Gigiwonder von Vera Schindler entdecken und eine Gruppe Wiener Schriftstellerinnen auf eine Reise durch die Schweiz schicken, damit sie die alte Sage vom Sennentuntschi neu beleuchten und gleichzeitig einen eigenwilligen Reisebericht durch die Pandemie- gelähmte Schweiz verfassen: Tuntschi. Eine Häutung.

Überhaupt hängt die Neugier eng mit der Bewegung, mit der Reise an sich zusammen. In Von schlechten Eltern von Tom Kummer fährt ein Mann immer wieder durch eine nächtlich-dystopische Schweiz, auf der Suche nach Antworten im Innersten seiner tiefen Trauer, in Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith reist der Protagonist von New York in ein fiktives Italien und gleichzeitig von einer ärmlichen Herkunft in eine Welt des Luxus. Und ganz von vorne beginnt Kaspar in Peter Handkes gleichnamigem Stück zu entdecken, was das Menschsein überhaupt ausmacht, wer wir sind und wie wir leben (wollen).
Eine Reise haben auch einige Inszenierungen angetreten: Wenig oder gar nicht gespielte Stücke nehmen wir mit in die kommende Spielzeit, sie kommen aus Hamburg (All das Schöne), aus Düsseldorf (Ein Bericht für eine Akademie), aus der vergangenen Spielzeit in Bern (Das Ende von Schilda). Und es ist eine meiner eigenen Inszenierungen dabei, die ich Ihnen aus den vergangenen Jahren in die Heimat mitbringen wollte: Rose Bernd.

Mit All das Schöne erweitern wir auch unsere Einladung für junge Menschen: Die Inszenierung ist für Publikum ab 13 Jahren geeignet und soll die Lücke zwischen dem Kinder- und Familienstück und dem Erwachsenenspielplan schliessen. Ach, natürlich: Auch mit dem «Märli » gehen wir dieses Jahr auf eine Reise: Erich Kästners Emil und die Detektive nimmt uns mit auf ein Abenteuer in die Grossstadt Berlin.

Die Figuren in den Stücken und Texten, aber auch die Menschen, die Sie jeden Abend erleben können, auf und hinter der Bühne, haben sich auf den Weg gemacht, um gemeinsam mit Ihnen, liebe Berner* innen, auf eine neue Reise zu gehen. Eine Reise mit ungewissem Ausgang, aber lustvollen, nahbaren und explosiv-herausfordernden Etappen – so möchten wir mit Ihnen zusammen in den Neustart eintauchen, sicher und umsichtig eine mutige Sprengung wagen, um die Sichtweite zu vergrössern, neue Schichten zu entdecken und freizulegen, was vielleicht verschüttet war.

Wir hoffen, dass auch Sie, liebe Neu-, Alt-, Wahl-, oder sonstige Berner* innen neugierig, wagemutig und reisefreudig vor dem neuen «Tresorplatz» und unserer neuen «Berner Treppe» im Vidmar-Foyer stehen werden, das die Berner Szenografin Claudia Rohner für uns neu gestaltet hat. Da möchten wir Theater spielen, aber wir möchten Ihnen den Ort auch als neuen Quartier- Treffpunkt, als Begegnungsstätte und Public Open Space zur Verfügung stellen. Bleiben Sie und verweilen Sie, es gibt viel zu entdecken!

Oder laden Sie uns zu sich ein! Mit dem neuen Format «Schauspiel mobil » wollen wir Theater dorthin bringen, wo Sie es bisher nicht erwartet haben. In und um Bern, im ganzen Kanton und darüber hinaus, Open-Air und als Pop-Up-Theater in Schulen, Hotels, Gemeindesälen, privaten Hallen, auf Wiesen, Dorfplätzen und in Burghöfen – grosse Stoffe im kleinen Format. In der ersten Spielzeit werden das Der talentierte Mr. Ripley und Der Drache von Jewgeni Schwarz sein.

«Wenn Du 10 Minuten Zeit hast, arbeite an der Beweglichkeit, nicht an der Kraft.»

«Wenn Du 10 Minuten Zeit hast», sagte mein Physiotherapeut,  «arbeite an der Beweglichkeit, nicht an der Kraft.» Wir alle brauchen gerade jetzt viel Beweglichkeit, Mut und Zusammenhalt, um uns den vielfältigen Herausforderungen, die auf uns zukommen, zu stellen – gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen. Wir sind dazu aufgerufen, auch uns selbst zu hinterfragen, unsere gewohnten Wege zu überdenken und unsere Werte zu überprüfen. Theater kann ein Kompass sein, eine Karte im Blick auf unser Leben. Es kann gerade in unsicheren Zeiten ein Trost sein, hautnah mitzuerleben, wie es schon vor hunderten von Jahren den Menschen in ähnlichen Situationen ergangen ist, wie diese sich verhalten haben und warum. Im Theater versichern wir uns unserer Gegenwärtigkeit und unserer Menschlichkeit. Immer aufs Neue entdecke ich darin: Ich bin nicht allein.

«Ich bin nicht allein. Wir sind nicht allein!»

Wir sind nicht allein! Liebe Berner*innen, wir freuen uns darauf, Ihre Geschichtenerzähler und Reisebegleiterinnen zu sein, mit Ihnen auf eine Entdeckungstour des vermeintlich Bekannten und vielleicht gar nicht so Unbekannten zu gehen. Lassen Sie uns gemeinsam Mut und Beweglichkeit üben und mit der Kraft der Neugier in die Zukunft reisen!

Ihr Roger Vontobel